Vor ein paar Monaten schilderte mir mein Coachee eine Situation in seinem Team in der Projektbesprechung und bat mich als Coach um Unterstützung. Seine Organisation entwickelt Innenraumkonzepte, sagen wir mal für neue Zugmodelle (fiktive Annahme). Zwei aus seinem Team, nennen wir sie Nina (Konstruktion) und Paul (Kundenschnittstelle zu den Verkehrsbetrieben), geraten regelmäßig aneinander, sobald ein Entwurf präsentiert wurde.
Immer dasselbe Muster: Paul stellt ein Konzept vor, Nina hakt nach – fachlich treffend, aber scharf im Ton. Paul wird kurz angebunden, sagt “passt schon” und ist für den Rest des Meetings raus. Tage später stelle ich fest: Ihr Feedback wurde nie eingearbeitet. Einfach so, ohne ein Wort.
Kennt ihr das? Ein Konflikt, der nicht ausgetragen wird, sondern einfach ignoriert? Und was passiert danach meistens bei euch?
Einzelgespräche hatte mein Coachee schon geführt. Beide sagten: alles gut. Trotzdem – alle zwei Wochen dieselbe Situation. Also haben wir uns zu dritt zusammengestzt, vorher ein wischaftliches Profiling gemacht, um ein individuelles Konfliktkompetenzprofil der drei Beteiligten zu erhalten und habe die Ergebnisse individuell aufgearbeitet. Danach ein gemeinsamer Workshop zur Konfliktlösung auf Basis der Profile und der Methode des Conflict Dynamics Profile (falls euch das was sagt).
Die Ergebnisse waren sehr aufschlussreich. Nina: sehr lösungsorientiert, aber mit deutlichem Ausschlag Richtung “unbedingt gewinnen wollen”. Ihr wunder Punkt: unklare, halbfertige Präsentationen. Paul: neigt stark dazu, Emotionen zu verstecken und nachzugeben. Sein wunder Punkt: Kritik vor der Gruppe. Die empfindet er als diskreditierend.
Und mein Coahee selbst? Überraschung des Tages – er schiebt Konfliktmomente im Meeting instinktiv auf, statt sie anzusprechen. Genau das Muster, das gerade zwischen den beiden ablief.
Ehrlich gefragt: Was würde euer eigenes Profil zeigen? Reagiert ihr eher wie Nina, wie Paul – oder wie er mit Konfliktvermeidung?
Im ruhigen Gespräch danach ging es nicht mehr um “du machst das falsch”, sondern darum, was in jedem selbst im Konfliktmoment passiert. Beide haben genickt – zum ersten Mal fühlte sich das Gespräch nicht wie eine Anklage an.
Am Ende standen Spielregeln im Umgang mit Konflikten und u.a. zwei konkrete Vereinbarungen: Nina bespricht kritisches Feedback künftig kurz vorher 1:1, nicht mehr live im großen Kreis. Paul benennt es klar, wenn er Zeit braucht, statt “passt schon” zu sagen. Und mein Coachee – vereinbarte mit sich selbst, Konflikte proaktiv im Team ohne Bloßstellung von Personen umgehend beim Auftreten anzugehen, als etwas positives zu adressieren und konstruktiv zu agieren.
Was glaubt ihr: Welche dieser drei Vereinbarungen wäre für euch die schwerste?